LT erster herrenweinabend 2
Gäbe es die Herren-Weinabende nicht, gäbe es gewiß auch weniger Liedertafelmitglieder. Ohne wissenschaftliche Nachprüfung ist die Annahme berechtigt, dass viele unserer fördernden, d.h. nicht singenden Mitglieder nicht nur die Liebe zur Musik bewogen hat, Mitglied der Liedertafel zu werden, sondern auch die verbesserte Chance, Karten zum Herren-Weinabend zu erhalten. Das spricht für die Popularität und die Attraktivität dieser Veranstaltung mit ihrem wechselnden Motto, aber der gleichbleibenden, unnachahmlichen Atmosphäre von Fröhlichkeit und Trinklust.

Das war nicht immer so. Die Anfänge dieses urigen Männervergnügens verlieren sich in der Gründerzeit der Liedertafel. Waren es die Gesellschaftsabende, bei denen Bier ausgeschenkt wurde, und deren erster am 9. März 1869 stattfand? Oder waren es die Zusammenkünfte der Aktiven am Nachmittag des Neujahrstages? Die mündliche Überlieferung, die allerdings nicht immer eine zuverlässige, wahrheitsgemäße Informationsquelle ist, sieht den Ursprung in den Aktiven-Runden am Neujahrstag.

 

Das 20. Jahrhundert begannen die Liedertäfler mit einem Herren-Bierabend am 1. Januar 1900. Er war ein voller Erfolg, so dass er in den folgenden Jahren immer zweifach wiederholt wurde. Der letzte Bierabend fand am 1. Januar 1904 statt; ihm folgte am 7. Februar des gleichen Jahres der erste Weinabend, ebenso im darauffolgenden Jahr. Dann wurden bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges jährlich zwei Weinabende durchgeführt. Zutritt hatten nur Mitglieder der Liedertafel. Gäste waren nur zugelassen, wenn sie weiter als zehn Kilometer von Neustadt entfernt wohnten. Sie kamen aus Mannheim, Speyer, Pirmasens, Kehl und Straßburg. Erst 1970 wurde die Kilometergrenze für Familienangehörige von Mitgliedern gelockert, 1971 dann ganz aufgegeben.

Die Besucherzahl stieg ständig. 1902 waren es 270, 1910 schon 800 Gäste. Deshalb wurden die Weinabende von der Turnhalle gegenüber dem Volksbad in das Gesellschaftshaus, das spätere Rot-Kreuz-Haus, Bergstraße 1, verlegt, dann von wenigen Ausnahmen abgesehen im Großen Saal des Saalbaus abgehalten.

Die Abende begannen zunächst um 17.30 Uhr, dann mit Glockenschlag 18.00 Uhr und dauerten bis 21.00 Uhr. Später wurde das Ende auf 22.00 Uhr festgelegt. Ausgeschenkt wurde jahrzehntelang ein "Heuriger" aus dem Holzfaß. Beim HerrenWeinabend 1966 wurde erstmals kein 1965er gereicht, sondern ein 1964er Wein, da nicht genügend Wein aus dem Vorjahr in gereiftem Zustand verfügbar war. Dabei blieb es bis heute. Allerdings wird der sachkundig ausgewählte Wein jetzt in Flaschen abgefüllt und in "Bembeln" ausgeschenkt. Der Weinkonsum ist mit dem Eintrittsgeld abgegolten.

Der erste Herren-Weinabend nach dem 1. Weltkrieg fand am 29. Januar 1922 statt und wurde in ununterbrochener Folge und mit steigender Beliebtheit bis 1939 fortgesetzt. Er hieß damals schlicht "Weinabend". Daraus könnte man auf die Teilnahme von Damen schließen. In der Tat, auf den "Großen Bunten Abend" im Januar 1932 trifft dies zu, denn es war ein Damen und Herren-Weinabend. Die Berichterstattung in der Presse war positiv, aber nicht begeistert. Dafür waren die veröffentlichten Leserbriefe eindeutig. Die Überschriften lauteten: "Liedertafel Pfui!" und "Der Liedertafel ins Stammbuch" (von einer Frau geschrieben), und forderten wieder die alte Form des Herren-Weinabends.

In den folgenden Jahren wurde wieder der traditionelle Herren-Weinabend abgehalten und außerdem anstelle eines Maskenballes ein "Bunter Abend für Damen und Herren". Ihm folgte am nächsten Tag jeweils ein Maskentreiben für Kinder.

Der Neubeginn dieses traditionsreichen, originellen Festes nach dem 2. Weltkrieg fällt in das Jahr 1949, genau auf den 30. Januar, wieder mit dem "Bellemer Heiner" als "Muntermacher".

1970 versuchte man, um den Herren-Weinabend angesichts sinkender Teilnehmerzahlen attraktiver zu machen vielleicht auch angesichts der stärker werdenden Frauenemanzipation -, zeitgleich im benachbarten Scheffelsaal eine Damen-Weinrunde zu organisieren. Es blieb bei diesem einmaligen Versuch.

Wieviele Herren-Weinabende die Liedertafel bisher durchgeführt hat, läßt sich nicht genau ermitteln. Der Rheinpfalz-Redakteur Hermann Michael Kaufmann, der der Liedertafel als Chronist und Berichterstatter eng verbunden ist, stellte mit Zustimmung des damaligen Liedertafel-Vorsitzenden Otto Ries fest, dass 1955 der 60. Herren-Weinabend stattgefunden hat. Seitdem wird weitergezählt. Der 96. Herren-Weinabend 1991, der wegen des Golfkrieges ausfallen mußte, wurde mit gleichem Programm am 25. Januar 1992 "wiederholt".

Auch der äußere Rahmen der Herren-Weinabende wandelt sich, ist aber in seinem Kern gleich geblieben: das Eröffnungszeremoniell, der erste Ausschank durch die Ehrengäste, die Programmfahnen auf den Tischen, die Schunkellieder, die Dankeshymne zum Ausklang.